Archiv

13.11.2017
Vortrag: „Walhall ist Wallstreet“ (Wieland Wagner) Die Geburt von Richard Wagners Ring des Nibelungen aus dem Geist des Vormärz
Dr. Sven Friedrich, Bayreuth
Direktor des Richard-Wagner Museums (Haus Wahnfried)
mit Nationalarchiv und Forschungsstätte
der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth

13. November 2017 um 19:30 Uhr
Stadtmuseum Düsseldorf, Ibach-Saal
Berger Allee 2, 40213 Düsseldorf
(Parkmöglichkeiten: Parkhaus Carlsplatz/Tiefgarage Altstadt-Rheinufer)
Eintritt € 10, Mitglieder € 7, Schüler/Studenten frei


Der Vortrag


Mit der pointierten Bemerkung „Walhall ist Wallstreet“ verwies einst Wieland Wagner auf die zentrale Bedeutung des Zusammenhangs von Macht und Geld, von Politik und Ökonomie als den ruinösen und der Erlösung durch Liebe entgegengesetzten Kräften der Ring-Tetralogie.

In der Tat waren für Richard Wagner Politik und Ökonomie – nicht zuletzt mangels eigener Einsicht und Begabung in diesen Gebieten – die degenerativen gesellschaftlichen Erscheinungsformen schlechthin, die daher (auch wie die Religion) in der Kunst aufgehoben und „erlöst“ werden könnten und müssten. Der Ring des Nibelungen erscheint demnach als Parabel auf die sozialistisch-antikapitalistische, aber auch antisemitische Gesellschaftskritik des Vormärz, dem der königlich-sächsische Hofkapellmeister Richard Wagner in Dresden in den 1840er Jahren zweifelsfrei zuzurechnen ist – bis hin zu seiner Teilnahme an den Dresdner Mai-Aufständen von 1848, die eine elfjährige Exilzeit in der Schweiz zur Folge hatte.

Gleichwohl wurde der Ring in weiten Teilen seiner Interpretationsgeschichte vor allem im Lichte der Schopenhauer-Rezeption als düster raunendes National-Epos von nationalistisch aufgeladenen, mythischen Heldentum und dessen tragischem Untergang verstanden – und dies obgleich das Ring-Libretto zum Zeitpunkt der ersten Begegnung Wagners mit Schopenhauers Philosophie 1854 bereits weitestgehend abgeschlossen war.

 Im Gegensatz dazu geht der Vortrag daher den vormärzlichen Wurzeln des Ring anhand Wagners intensiver und folgenreicher Rezeption der antikapitalistischen und frühsozialistischen Denker und der anthropologischen Theologie Ludwig Feuerbachs nach. So wird die Tetralogie vor diesem Hintergrund als Revolutionsdrama über die Emanzipation und Befreiung des Menschen zu sich selbst gelesen und somit als Werk des „linken“ Wagner, wie er bereits von George Bernard Shaw verstanden wurde, aber zugleich auch als Kritik eines vermeintlich jüdisch-kapitalistisch geprägten sozialökonomischen, aber auch ästhetischen „Establishments“ – mit den bekannten ideologischen und ideologiegeschichtlichen Folgen.


Dr. Sven Friedrich 


Foto: Andrea Forster, Bayreuth

Geboren 1963 in Göttingen. Nach Ausbildung zum Bankkaufmann Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik und Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München.1990 Masterarbeit „Werkidee und Bühnenrealität – die Aufführungen der Werke Richard Wagners zu seinen Lebzeiten“

1994 Promotion mit „Das Auratische Kunstwerk – zur Ästhetik von Richard Wagners Musiktheater-Utopie“.

Seit 1993 Direktor des Richard-Wagner-Museums mit Nationalarchiv und Forschungsstätte der Richard-Wagner-Stiftung in Bayreuth; außerdem Direktor des Franz-Liszt Museums und des Jean-Paul Museums in Bayreuth.

Gründungs- und Mitherausgeber der Zeitschrift „wagnerspectrum“.

Seit 2008 Referent bei den täglichen Einführungsvorträgen für die Bayreuther Festspiele im Festspielhaus.

Veröffentlichungen:

Richard Wagner. Deutung und Wirkung 2004
Richard Wagners Opern – Ein musikalischer Werkführer, 2012
Wagner im Spiegel seiner Zeit, 2013
Das Kunstwerk der Zukunft. Perspektiven der Wagnerrezeption im 21. Jahrhundert, 2014
Zahlreiche Aufsätze im „wagnerspectrum“ und anderen Publikationen