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21.03.2017
Vortrag: „Ahnung und Erinnerung“‚ Die Leitmotivtechnik von Richard Wagner‘
Prof. Dr. Jürgen Schläder, Düsseldorf
Professor i.R. für Theaterwissenschaft mit Schwerpunkt Musiktheater
an der Ludwig-Maximilians-Universität in München

Dienstag, den 21. März 2017 um 19:00 Uhr
im Theatermuseum Düsseldorf, Jägerhofstr. 1, Düsseldorf 
Unkostenbeitrag: Gäste € 10, Mitglieder € 7, Schüler/Studenten frei


Der Vortrag


Richard Wagner hatte mit seinen Leitmotiven einen neuen Organisationstyp von musikdramatischer Komposition geschaffen, ohne dass er selber den Begriff des Leitmotivs verwendet oder gar geprägt hätte. Wagner sprach lieber von „melodischen Momenten, in denen wir uns der Ahnung erinnern, während sie uns die Ahnung zur Erinnerung machen“.  
 
Diese in sich schon wieder rätselhafte Formulierung meint, die wiederkehrenden Motive und Themen etwa im Ring des Nibelungen rufen uns als Ahnung von Vergangenem früheres Geschehen ins Gedächtnis, und wir machen uns diese Ahnung dann konkret zur Erinnerung, um frühere mit späteren Ereignissen zu verknüpfen.  
 
Die Funktion der Leitmotive strukturiert also die Ereignisfolge in den vier Opern des Ring, aber eben nicht als plumpe Wiederholung von Geschehenem, sondern als Erinnerung an eine emotional anrührende oder aufrüttelnde Wahrnehmung von Ereignissen. Das emotionale Element war Wagner stets wichtiger als das rein faktische der Ereignis-Rekapitulation. 
 
Deshalb verkürzen die unzähligen Motiv-Tafeln, die zum Ring entstanden sind und in denen die einzelnen Motive und Themen mit präzisen Bedeutungszuschreibungen etikettiert werden, die umfassende Funktion der Leitmotive auf eine pure lexikalische Bedeutung. Ihr eigentlicher Sinn aber beruht in der vielfachen Verknüpfungsmöglichkeit mit anderen   
 
Motiven, bei denen sich die Bedeutung des einzelnen Motivs verändert, meist ausweitet und auf diese Weise ein Prozess zustande kommt, der eine dramatische Erzählung widerspiegelt. Auf diese Weise konnte Wagner allein mit musikalischen Ausdrucksmitteln narrative Prozesse in Gang setzen, Ereignisse berichten oder reflektieren, auch wenn keine Figur auf der Bühne stand, wenn kein Wort gesungen wurde, ja selbst wenn kein Bild auf dem Theater  zu sehen war.  
 
Das Orchester hatte damit eine Sprachmächtigkeit gewonnen, von der die frühen Romantik um Schlegel, Tieck und E.T.A. Hoffmann immer schon geträumt hatten. 
 
An einigen charakteristischen Ton-Beispielen, sehr unterschiedlich im Umfang der narrativen Funktion, wird diese Strukturierung einer fast 14stündigen Handlung über vier Opern hinweg im Rahmen des Vortrags erläutert.


Prof. Dr. Jürgen Schläder 




Prof. Dr. Jürgen Schläder ist Theater- und Musikwissenschaftler. Er studierte Germanistik und Musikwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum und wurde 1978 in Musikwissenschaft mit der Dissertation „Undine auf dem Musiktheater. Zur Entwicklungsgeschichte der deutschen Spieloper“ promoviert. 1986 habilitierte er sich mit dem Thema „Das Opernduett. Ein Szenentypus des 19. Jahrhunderts und seine Vorgeschichte“. Ab 1987 war er Professor für Theaterwissenschaft mit dem Schwerpunkt Musiktheater an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte sind: Ästhetische Grundlagen und Analyse des zeitgenössischen Regietheaters sowie experimentelle Formen des neuesten Musik- und Tanztheaters. Publikationen zum Regietheater: „OperMachtTheaterBilder“ (2006), „Der Ring, postdramatisch erzählt. Andreas Kriegenburgs Inszenierung von 2012, in: „Von der Welt Anfang und Ende“. Der Ring des Nibelungen in München, hg. v. Birgit Pargner (2013). Zum Gegenwartstheater: „Das Experiment der Grenze. Ästhetische Entwürfe im Neuesten Musiktheater „(2009).  
1985-1987 Pauschalist für Musikkritik (Konzert und Oper) bei der Rheinischen Post Düsseldorf. 1987 bis 2008 Moderator der WDR-Rundfunksendung „Klassikforum“ (WDR 3).