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28.06.2022
Vortrag Prof. Dr. Schläder:
„Vom Scheitern der Liebe zur Verklärung des Todes
Moderne Duett-Strategien in Giacomo Meyerbeers ‚Hugenotten’ und Richard Wagners ‚Tristan und Isolde‘“
Prof. Dr. Jürgen Schläder, Düsseldorf
Professor i.R. für Theaterwissenschaften mit Schwerpunkt Musiktheater,
Ludwig-Maximilians-Universität München
19 Uhr Stadtmuseum Düsseldorf, Ibach-Saal
Berger Allee 2, 40213 Düsseldorf
Zwischen 1830 und 1865 entwickelten Giacomo Meyerbeer und Richard Wagner eine innovative Dramaturgie für das musikalische Drama. Die Handlung sollte anstelle einer Reihung von klingenden Einzelstücken in einem musikalischen Diskurs formuliert werden. Im individualisierten musikalischen Drama rückte die Zwei-Personen-Szene, das mehrteilige Opernduett, ins Zentrum der musikdramatischen Überlegungen.  

Giacomo Meyerbeer gelang 1836 in den Hugenotten mit dem Augenblick der Handlungsperipetie eine Duettszene, in der durch mehrfachen Umschlag der Affekte das Scheitern einer großen, völkerverbindenden Liebe zerstört wird. Das Duett der liebenden Raoul und Valentine im 4. Akt spannte den Bogen vom Eingeständnis der beiderseitigen Liebesgefühle bis hin zum politischen Zwang, einen Genozid zu vermeiden - mit der Katastrophe einer scheiternden Liebe. Diese Duettszene diente allen Kennern, übrigens auch Richard Wagner, als glühend bewundertes Vorbild für eine neue Dramaturgie einer Dialogszene.
 
Richard Wagner lieferte knapp drei Jahrzehnte später am Ende des 2. Aktes von Tristan und Isolde nicht nur einen dem Meyerbeer-Duett vergleichbaren künstlerisch-theatralen Coup, sondern auch die konkrete Individualisierung, die Einmaligkeit des Musikdramas.
 
Für den entscheidenden Mittelsatz der ebenfalls dreisätzigen Duettszene übernahm Wagner die subtile Klangwelt eines sanft abgedunkelten Liebesgesangs aus der Meyerbeer-Oper. Mit der hochkomplexen Verschachtelung von musikalischen Dialogen und simultanen Kontemplationen gelang ihm auch der Durchbruch zur Individualisierung des Musikdramas.
 
Tristan und Isoldes Diskurs im Duett des 2. Aktes formuliert die wachsende Erkenntnis der Liebenden, die Erfüllung der Liebe nur in einer anderen Welt, in einem gedanklichen, nicht mehr realen Bewußtseins- und Lebensraum erreichen zu können. Das gemeinsame pathologische Ziel beschert beiden Liebenden in diesem quasi-philosophischen Diskurs an dessen Ende die Verklärung des Todes.
 
Der Vergleich der beiden Duettszenen offenbar zweierlei: dass kein Komponist ohne die herausragenden Leistungen seiner Vorgänger auskommt, dass aber nur ein Genie wie Richard Wagner zugleich Musik aus einer anderen Welt zu schreiben und damit in eine neue Dimension künstlerischer Duett-Gestaltung vorzudringen vermochte. Die Dramaturgie solcher Kompositionen wird im Vortrag durch formabbildende Übersichten veranschaulicht, sodass die ungewöhnlichen Dimensionen dieser beiden Duettszenen leicht zu entschlüsseln sind.
 
Prof. Dr. Jürgen Schläger ist Theater- und Musikwissenschaftler. Er studierte Germanistik und Musikwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum und wurde 1978 mit der Dissertation "Undine auf dem Musiktheater - Zur Entwicklungsgeschichte der deutschen Spieloper" promoviert. 1986 habilitierte er sich mit dem Thema "Das Opernduett - Ein Szenentypus des 19. Jahrhunderts und seine Vorgeschichte". Ab 1987 war er Professor für Theaterwissenschaft mit dem Schwerpunkt Musiktheater an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.
 
Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte sind: Ästhetische Grundlagen und Analyse des zeitgenössischen Regietheaters sowie experimentelle Formen des neuesten Musik- und Tanztheaters.